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Get Well Soon


Musik

Album „Love“                                                                                                                                           (VÖ 29.01.2016)

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ECHTE MASKEN DER LIEBE

Was kommt nach dem Ende? Eben ging die Welt noch unter. Zumindest im Werk von Konstantin Gropper. Sein letztes Album als Get Well Soon starrte auf die Apokalypse, durch den Vorhang italienischer Filmsoundtracks der Siebzigerjahre. Auf „The Scarlet Beast O’ Seven Heads“ vibrierte die Stimme im Belcanto, der Körper zitterte wie bei einem Schauspieler kurz vor der Sterbeszene. Ein Musiktheater des Untergangs, im Parkett lauschte man dem Einsturz der Erde – bildlich gesprochen, denn in Wahrheit spielten Get Well Soon ihren theatralen Kammerpop auf großen Festivalbühnen wie Glastonbury und Roskilde, wie seit Jahren immer auch zur Freude der internationalen Musikpresse. Und jetzt, nach dem wunderschönen Weltuntergang, spricht der Sänger vom Überleben. Von der Kraft, die Neues schafft. Konstantin Gropper singt von der Liebe. It’s here, Album Nummer vier: „Love“.

Die Liebe also. Ein großes Wort. Wie „Pop“. Einfach auszusprechen, komplex zu fühlen. Und so klingt das neue Album auch: ungewohnt hell und poppig. „Love“ ist ein Album voll mit Zuckerwatte, Lebkuchenherzen und stark geschminkten Figuren. Aber natürlich verweilt es nicht lange an dieser Oberfläche. Hinter der Maske verbirgt sich eines der größten Themen der Kunstgeschichte und „wahrscheinlich das schwierigste überhaupt,“ meint Gropper, „wenn man es ernst damit meint.“ Liebe ist larger than Life. Eine Illusion, und doch immer wieder allzu real.

Der fast schon fröhliche Tonfall ist neu in Groppers Werk und markiert eine Wende. Aber alles andere als Veränderung hätte noch mehr überrascht. Denn Get Well Soon flirtet schon immer mit echten Maskeraden. Vielleicht wie David Bowie, den der Musiker mit Wohnsitz Mannheim verehrt. Oder gar Madonna.

Trotz der neuen Leichtigkeit ist der Titel kein Ironiebefehl. „Love“ heißt hier tatsächlich: Liebe. Meistens in der Zweierbeziehung. Als Ideal. „Was soll ich machen? Das ist mein Modell.“ Gropper hatte sogar vor, naive Liebeslieder zu schreiben. So wie Rosamunde Pilcher Schnulzenromane schrieb? „Das ist mir nicht gelungen – leider. Ich kann wohl doch nicht aus meiner Haut“, sagt Gropper und lacht. Von Pilcher übrig geblieben sind die Titel der Romanverfilmungen. Der Text von „Young Count Falls For Nurse“ listet sie endlos auf: „Rain at the end of summer / Interplay of Love / Clouds on the far Horizon…“

Sammeln, Zitieren, Einarbeiten: Es ist auch die Liebe zur Popgeschichte, die bei Get Well Soon immer innig ist. So findet man auf „Love“ musikalische Erinnerungsstücke. Es ist wie mit Gegenständen aus der Welt, die in den eigenen vier Wänden noch einmal eine eigene Geschichte entwickeln. „Ja, ich habe eine gewisse Tendenz zum Messie, ich horte viel und kann wenig wegwerfen“, sagt Gropper und zeigt auf sein Musikzimmer. Man sieht da viele Gitarren, Bässe, Keyboards. Zum Glück hat ihm das noch niemand ausgeredet. Denn musikalisch ist das Horten ein großer Gewinn im Werk von Get Well Soon. So ist doch auch die Liebe manchmal nichts weiter als eine Ansammlung von emotionalisierten Dingen. Wie im Song „It’s a Catalogue“, wenn eine Beziehungsgeschichte anhand von Souvenirs erzählt wird.

Erinnern ja, kopieren nein: Gropper vergleicht das Komponieren mit dem Kochen. Er zitiert den italienischen Sternekoch Massimo Bottura, der sagt: „Meine wichtigste Zutat ist die Erinnerung.” Wie löst man Erinnerungen aus – mit einem Gericht, einem Geschmack, mit einem Song, einem Sound? Und wie schafft man dabei dennoch etwas Neues, Individuelles? „In der Popmusik kann man mit zwei Erinnerungen arbeiten“, sagt Gropper. „Es gibt die kollektive Poperinnerung, und dann kommt noch die ganz persönliche dazu.“ Doch fehlt der eigene Anteil – im Rezept, in der Komposition – kommen am Ende nur Konservendosen heraus.

Am Anfang steht ein Verweis, ein Stil, eine Stimmung. Da spielt vielleicht noch so etwas wie Nachahmung eine Rolle. Komponieren als Stilkunde, fast japanisch. Oder einfach: sorgfältig. Für viele Zeitgenossen klingt das fremd. Heute denken bereits Studierende, ihre künstlerische Handschrift sei einzigartig. Im Vergleich dazu ist Gropper unromantisch. Aber die Kunst entsteht dann bei der Arbeit. Und das Ergebnis ist dann doch eigenständiger als das Meiste im Popbetrieb.

Wer mag, hört auf „Love“ zwar noch immer verführerisch verschlungene Wege. Die Wirkung aber ist unmittelbarer denn je. „Es ist meine Popplatte“, sagt Gropper. Man hört es auch seinem Bariton an, der auf „Love“ das Vibrato des letzten Albums hinter sich lässt und die klare Kontur sucht. Und so ausgefeilt die Arrangements sind, klingt vieles minimaler. „Mein Fokus lag diesmal weit mehr auf dem Songwriting als auf dem Ausarbeiten des Sounds. Schreiben, Produzieren und Arrangieren war für mich bisher immer ein gemeinsamer Arbeitsschritt. Auf „Love“ habe ich das getrennt.“

Schon bevor Gropper Musik für mehrere Spielfilme und Fernsehproduktionen schrieb, empfanden viele Get Well Soon als nah am Kino gebaut. Aufwendig orchestriert, ausladend gespielt. Intensiv. Seine Musik ist noch immer gefühlsbetont, aber die Mittel wirken entspannter. Coolness im Pop, das ist eine Geste, die auf ihr Gegenteil zeigt: Play cool when it gets hot. Das fängt – it’s Pop – schon bei der Verpackung an.

Das Cover zeigt drei Bären bei einem toten Rehbock im Gebirge. Es ist ein Gemälde des Malers Friedrich Gauermann von 1832, einem Vertreter der Biedermeier-Epoche, die mit der Spätromantik zusammenfällt. Nachdem Europa erst von der Aufklärung, dann von Napoleon umgepflügt wurde, folgte eine Phase der Wiederherstellung. Auch in der Kunst: Naturmotive, Inneneinrichtungen. Es war eine Flucht vor den Zumutungen der Geschichte. Die deutsche Romantik ist tot, es geht Gropper aber nicht um eine Wiederbelebung. „Liebe und Romantik sind für mich nicht nur ein Rückzug vor turbulenten Zeiten“, sagt er. „Ich verstehe Liebe als positiven Lösungsansatz. Als kreative Kraft, als Gegenpol zum Lamentieren, obwohl ich mich immer noch gerne beschwere.“

Bereits das Cover zeigt aber auch die Gefahren der Herzenskraft. Zwei Bären verzehren ihr Jagdopfer, im Hintergrund nähert sich ein dritter. Abhängigkeit, Rivalität, Hackordnung, Neid, Trieb, Brutalität, Tod – all das lässt sich aus diesem vermeintlichen Naturidyll lesen. Darüber der Schriftzug: Love, Get Well Soon. Es ist der Albumtitel und der Name der Band. Aber es liest es sich auch wie: Gute Besserung, herzliche Grüße! Liebe ist eine Krankheit, von der wir uns nie erholen.

Konstantin Gropper sagt, die Gründung seiner Kleinfamilie habe sicher eine Rolle gespielt, bei Entscheidung, ein Album über Liebe zu machen. „Wobei es weniger eine rationale Entscheidung als ein Gefühl war. Offensichtlich.“ “It’s an Airlift“ handelt von der „bedingungslosen Liebe, die man wahrscheinlich nur zum eigenen Kind aufbauen kann“, sagt Gropper. Gerade weil er weiß, wie seltsam junge Väter manchmal klingen. „Natürlich nervt es, wenn Eltern nur noch von ihren Kindern erzählen. Aber es ist schon sehr speziell, denn so eine bedingungslose Liebe ist in erwachsenen Beziehungen alles andere als wünschenswert.“ Und doch entspricht sie bis heute dem romantischen Ideal Vieler. Get Well Soon sieht das frischer. Zum Bespiel im Song „It’s a Mess“: „Who wants an easy lover? / For real? / We need someone to shove us through the mess we make.“ „Love“ spielt Liebe im Wortsinn durch. Und das bedeutet auch: die eigene Lächerlichkeit zu erkennen. Um darüber zu lachen.

„Eulogy“ besingt einen Heiratsschwindler. „Ich bin fasziniert vom Können solcher Figuren, vom logistischen Aufwand ihrer Täuschungen.“ Vielleicht weil die Con Artists, wie die Schwindler auf Englisch heißen, doch sehr mit Künstlern und Musikern verwandt sind. Sie schlüpfen in Rollen, die aber niemanden überzeugen, wenn sie nicht ein Stück Wahrheit in sich tragen. Jeder Schwindler muss glaubwürdig sein, sogar vor sich selbst. Und ist nicht auch die Liebe oft ein Schauspiel für alle Beteiligten. Aus Respekt voreinander.

Am Ende werden die Masken doch nicht abgesetzt. Es bleibt dabei, die Rätselhaftigkeit und das Geheimnis der Liebe zu besingen. Sie zu erklären? Unmöglich! Das ist vielleicht die Botschaft von „Love“. Wir befinden uns im Labyrinth der Liebe, wie es im Opener „It’s a Tender Maze“ heißt: „It seems we only got here / Because we lost the way.“ In der Mitte des Labyrinths fehlen die Worte. Wir wissen nicht, wie wir hier gelandet sind und schon gar nicht, wie wir wieder herausfinden sollen. Von solchen Orten weiß die Musik mehr zu erzählen als die Sprache. Vielleicht ist die Liebe ein flüchtiger Klang. Piff. Paff. Pu…

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