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Trümmer


Artists

Single „Wo ist die Euphorie?“ (VÖ 17.07.2014)
Album „Trümmer“ (VÖ 22.08.2014)

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Videolinks:

Introducing Konzert auf Arteweb

Trümmer vs Goldene Zitronen

An der Sprache sollt ihr einander erkennen. In Trümmers Falle bedeutet dies: „In all diesen Nächten / Sind wir nicht brav, sondern schlimmer / Und wir werden niemals alt / Nein, wir bleiben so für immer, für immer.“ (aus: „In all diesen Nächten“) Man merkt es beim ersten Zuhören und es vertieft sich bei jedem Nachlesen: Hier hat eine Band ihre eigene Sprache bereits gefunden, noch bevor sie angefangen hat zu suchen. „If you want to fuck the system / You have to fuck yourself.“ (aus: „Die 1000. Kippe“) Das ist das goldene Selbstverständnis der Jugend, dass sie endlos sei.

Gespiegelt wird diese Haltung in der Musik. Ein befreit aufspielender, leidenschaftlicher, mitreißender, euphemistischer Rock’n’Roll ist Fundament und musikalische Umgangssprache bei Trümmer. Wer die Band live gesehen hat, weiß, dass hier elektrisch verstärkte, von Punk grundierte Musik aus genau diesem Wunsch heraus gespielt wird – um mit dem Publikum eine Euphorie des Augenblicks zu teilen. Eine Euphorie, der man unmittelbar anmerkt, dass sich das Trio als Gegenfront zur allgemeinen musikalischen Gleichschaltung versteht, die dieses Land, und mit Sicherheit den deutschsprachigen Rock’n’Roll in den letzten Jahren erfasst und eingelullt hat. Genial in diesem Zusammenhang, dass alle drei Trümmer-Mitglieder – Paul Pötsch (Gesang und Gitarre), Tammo Kasper (Bass) und Maximilian Fenski (Schlagzeug) – im Gespräch stets behaupten, sie seien 18 Jahre alt, obwohl Paul, am Telefon, ein anderes Alter herausrutscht.

„Trümmer“ ist das Debütalbum der Band Trümmer betitelt, die sich nicht als Hamburger Trio begreift, obwohl man in der saturierten Hansestadt lebt. Man ist aus drei Himmelsrichtungen zugereist, war fasziniert und abgestoßen zugleich von der Metropole und ihrer Ausdefiniertheit. Anders als in den Neunzigern, als alles noch verhandelt wurde, als Schanze, St. Pauli und Rote Flora zu einer Kombination aus Kampfzone und Modellfall erklärt wurden und Bands wie Kolossale Jugend, Goldene Zitronen und Blumfeld (manche zählen auch Tocotronic dazu) in Zwischennutzungen Freiräume für Gedanken fanden, ist heute alles normiert, formulaisch, optimiert. Und im Zweifelsfalle darf die Polizei Menschen aus der Menge herausgreifen und ausweisen.

Gitarrist und Sänger Paul, am Telefon: „Selbst die Studenten hetzen Hausarbeiten und Zwischentiteln hinterher. Für was? Das kann es doch nicht gewesen sein.“ In jedem Satz, den Paul sagt, schwingt eine ins Positive gewandte, überwundene Enttäuschung mit, dass die vielen Versprechen, mit denen er an verschiedenen Orten aufgewachsen war – in seinem Falle das Versprechen des Theaters und des Schauspiels als freie Nische in einer unfreien Welt –, sich bei näherer Betrachtung als leere Versprechen herausstellten. Das lag, so Paul am Telefon, gar nicht so sehr an den Versprechen selbst, sondern an jenen, die den Utopien schon gleich zu Anfang kein Vertrauen mehr entgegenbrachten, das Scheitern von Beginn an nicht als Chance begriffen.

Deshalb verließ Paul das Theater, und deshalb gründete er Trümmer, „weil der Begriff so schön ambivalent ist. Es kann etwas Kaputtes sein, es kann aus Trümmern etwas Neues entstehen.“

Daraufhin in „Minima Moralia“ geblättert, Adornos „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“, dem Buch für solche Fälle. Auf Seite 183 hängengeblieben: „Wer früh reift, lebt in der Antizipation. Seine Erfahrung ist apriorisch, ahnende Sensibilität, die an Bild und Wort ertastet, was Ding und Mensch später erst einlösen.“ 14 Stunden zuvor hatte ich Paul am Telefon empfohlen, im Zweifelsfall Adorno zu lesen. Die Art, wie Paul spricht, wie auch die Texte, die er für Band Trümmer schreibt, weisen eine Genauigkeit auf, zugleich eine Zärtlichkeit in dieser Genauigkeit, die poetisch, direkt und, ja, eben so genau ist, dass ich an Adorno denken musste. Ich empfahl ihm also für längere Busfahrten oder einsame Nächte in Hotelzimmern das Blättern in „Minima Moralia“, das Aufschlagen des Werks auf Seite X, um dort wie in einem Orakel zu lesen, und prompt verlagert sich unser Telefonat auf ein anderes Plateau. Denn Paul sagt: „Wegen Adorno, wegen der Schönheit seiner Sprache und nur wegen ihm, bin ich damals nach München gezogen, um Philosophie zu studieren.“ Als er aber feststellte, dass in der akademischen Philosophie kein Platz für lyrisches Schreiben mehr zu sein scheint, gründete er Trümmer, lenkte die Energien um und formte die ihm eigene Sprache um in Strophen, die in ihrer einfachen Verständlichkeit zu den Wortgewaltigsten gehören, die es in der deutschen Popsprache je gab. Suffice to say, dass hier etwas Großes seine Schatten vorauswirft, dass hier eine Band am Start ist, die mehr will als nur jung sein. „Was uns und mich antreibt ist dieses Gefühl eines allgemeinen Stillstands“, sagt Paul, „es muss wieder Aufbruch her.“ Stunden später erreicht mich eine SMS, in welcher er schreibt: „Es ist ganz wichtig, dass dieses Album eine positive Aufbruchstimmung, positive Utopien vermittelt.“

Das hätte er gar nicht noch einmal unterstreichen müssen, das hört man auch so, denn, um aus dem ersten Song des Albums, „Schutt und Asche“, zu zitieren: „Wenn wir durch die Nacht fliegen / Spricht alles gegen uns / Doch wir werden siegen, siegen, siegen.“

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